„Freiheit ist die Teilnahme des Menschen an der moralischen Welt.“
Fussenegger

„Was ich heute über Freiheit denke, ist im Wesentlichen ein Freisein von der Lüge.“
Heimito von Doderer

„Freiheit ist die Macht. Die wir über uns selber haben.“
Grotius

Die Menschheitsgeschichte lehrt, dass man bereit und willens sein muss, Freiheit zu wagen, zugleich aber auch den Mut haben muss, sie zu verteidigen. Die Brisanz der aktuellen politischen Lage macht deutlich, wie wichtig es ist, sich über das Wesen der Freiheit Gedanken zu machen. Im Zentrum der unmittelbaren Betroffenheit steht der russisch-ukrainische Krieg; doch eine Vielzahl anderer Vorkommnisse reihen sich nicht weniger bedrückend ein in die Vielzahl bestehender Freiheitsgefährdungen bis hin zum vollständigen Freiheitsverlust: Die kommunistische Diktatur in Nordkorea, die menschenrechtswidrige Behandlung der Uiguren in China, die Vernichtung der Demokratiebewegung in Mianmar, die staatliche Beeinflussung des Rechtswesens in der Türkei, vergleichbare Tendenzen in Ungarn und Polen, religiöser Fanatismus, einhergehend mit einer intoleranten kulturellen Indoktrination in Afghanistan und viele andere Beispiele, die zeigen, wie sich der Staat der freien Entfaltung des Menschen entgegenstellt und Ziele am Menschen vorbei verfolgt. Nicht zu vergessen dabei sind die Russische Föderation und Weißrussland, in denen die Menschen in Staatshaft genommen sind mit jeweils klaren Handlungsvorgaben und Denkverboten. Der russische Mensch tendiert zur Hörigkeit gegenüber der Macht von oben. So war es zu Zeiten der Zaren, zu Zeiten der Sowjetunion (Stalin) und nun lebt der Geist des Zarismus in der Alleinherrschaft Putins fort. Der geschundene Mensch hat das Gefühl von Freiheit weitgehend verloren. Nie war Putin ein „lupenreiner“ Demokrat. Es war die Wahrnehmungsstörung eines Freundes, der Erfahrung folgend, nach der sich das Herz (bzw. der Geldbeutel) orientiert, der Kopf aber versucht, die Argumente zu liefern. Diese Marginale wäre der Erwähnung nicht wert, wenn sie nicht deutlich machte, wie leicht sich der Mensch beeinflussen und blenden lässt und wie sehr sein Denken durch seine Vorstellungen und Einbildungen grundlegend verändert werden kann. Erstaunlich, mitunter auch erschreckend ist zu sehen, dass Einbildungen und Vorstellungen sich oft stärker und widerstandsloser des Menschen bemächtigen, als es die Klarheit des Denkens vermag. Dieser Effekt war bereits während der Corona-Pandemie deutlich spürbar, wobei Leichtgläubigkeit wohl allgemein zu den elementaren Schwächen der menschlichen Natur zählen dürfte. Vice versa wird es immer den Versuch geben, diese Schwäche durch propagandistische Fehlinformation, durch Täuschung und Lüge zu fremden Zwecken zu nutzen. So sind wir unvermittelt erneut auf das Problem der Freiheit gestoßen. Kann ein Mensch, der durch seine eigenen Vorstellungen und Einbildungen indoktriniert wird, frei sein?

Das Grundbedürfnis des Menschen ist frei zu sein, seinem Willen folgen zu können und dabei, wenn möglich, auf keine großen Widerstände stoßen zu müssen. So groß die Kraft der Freiheit in uns auch ist, bleibt sie in dieser absoluten Form reines Wunschdenken, jedoch behaftet mit mancherlei Gefahren. Gegen die ersehnte Autonomie des eigenen Willens steht der Tatbestand des sozialen Umfeldes, das Wissen also, dass jede von uns ausgehende Aktion eine Reaktion bei den mit uns lebenden Mitmenschen hervorruft, im positiven oder im negativen Sinn. Auf der einen Seite steht also die Kraft der Freiheit, die primär das Eigene will, auf der anderen das Wissen um die Gesellschaft, um den oder die Anderen, auf die ich mit meinem Handeln einwirke. Um die verschiedenen Möglichkeiten des Interagierens zwischen beiden Welten einordnen zu können, muss man sich einen weiteren Beweggrund des individuellen Daseins vor Augen führen. Es ist die Sehnsucht nach Schutz, nach Aufgehobenheit, nach Halt, nach Anerkennung, nach Sinn, nach Dazugehörigkeit, nach Glück, nach Dauer. Die Kraft der Freiheit wird dazu genutzt, sich dieser Ziele anzunähern, sie zu erreichen. In diesem Wechselspiel von Freiheit und Gemeinschaft zeigt sich schließlich die ganze Vielfalt menschlicher Größe und menschlichen Versagens. Einige Lebensbilder sollen das veranschaulichen:

  1. Die Suche nach Anerkennung. Die Gefahr ist, dass ich in dem Bedürfnis, anerkannt, beliebt und respektiert zu sein, anderen etwas vormache, mich verbiege, etwas vorspiele, was ich nicht bin. Ich bin bereit, mein „ich“ zu verraten und andere zu täuschen
  2. Die Suche nach Stärke: Allein fühle ich mich schwach, nicht durchsetzungsfähig; also suche ich Anschluss in einer Gruppe, dort fühle ich Möglichkeiten, die ich allein nicht habe. Dadurch dass ich in der Gruppe die Verantwortung nicht mehr allein trage, weiten sich die Möglichkeiten meines Handelns über die Grenzen der Gesetze hinaus.
  3. Meinen angestrebten Erfolg kann ich nur erreichen, wenn ich Mittel einsetze, von denen ich weiß, dass ich damit anderen schade. Aneignung fremden Eigentums. Auch hier gelingt dies leichter in einer Gruppe als im Alleingang. Die Rechte der Anderen werden missachtet.
  4. Durch die Kontakte in den sozialen Netzwerken kann ein Misstrauen gegenüber Institutionen, industriellen Machenschaften oder (weil besonders beliebt) gegenüber den USA entsehen. Jede propagandistische Information vermag das Misstrauen zu verstärken und mir das Gefühl geben, ein Wissender zu sein. Die Menge vermittelt stets das Gefühl von Stärke.
  5. Das Bedürfnis, ein Wissender zu sein. Mit dem Angebot von Täuschung und Lüge, gemeinhin als Wissen verpackt, gelingt es leicht, sich auf die Seite der „Wissenden“ zu schlagen. Man hat das Bedürfnis, dem normalen Wissen gegenüber überlegen zu sein. Man weiß es besser; man ist auf der Seite der Wissenden und damit auf der Seite des Stärkeren. Ganz allgemein führt das Festhalten an Vorstellungen und Einbildungen zu der Unfähigkeit, auf reale Situationen rational zu reagieren.

Jeder kann sich aus dem Puzzle der verschiedenen Möglichkeiten Lebenskonstellationen zurechtlegen, die ihm entweder bekannt oder ihm schon begegnet sind. In jedem Fall wird deutlich, dass es Regeln geben muss für denjenigen, der in der Gemeinschaft seinen Platz sucht (Anerkennung, Liebe, Schutz, Halt) und für denjenigen, der mit der Gemeinschaft oder gegen sie etwas erreichen will (Propaganda, Täuschung, Lüge). Das die Würde des Menschen im Grundgesetz zentral verankert ist, zeigt die moralische Grundlage unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Die Interaktionen zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft sind an Regeln geknüpft, die dieser moralischen Grundlage Rechnung tragen: Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit, Offenheit und Klarheit. Besonders in Zeiten eines gebrochenen Wahrheitsempfindens (fake news, alternative Wahrheiten) ist es wichtig auf den Zusammenhang von Klarheit und Wahrheit hinzuweisen: Die verlässliche und unbestechliche Klarheit des Denkens markiert den Weg zur Wahrheit. Die subjektive, emotionale Tünchung der Klarheit in Form der Einbildung und Vorstellung fördert den Weg in die Irrationalität und fördert den Vertrauensverlust.

Am Beispiel der von Russland vorgetragenen Kriegsrhetorik und Kriegspropaganda lassen sich die Folgen augenfällig demonstrieren: Wut, Hass und Aggression. Angesichts dieses Angriffes auf jeden zivilisatorischen Konsens ist es völlig unverständlich, in welcher Art und Weise Bundeskanzler Scholz die zugesagten Waffenlieferungen an die Ukraine kommuniziert. Im Plenum des Bundestages wird der Antrag auf Lieferung schwerer Waffen beantragt und mit großer Mehrheit bewilligt; wenige Tage später erfährt man von einer parlamentarischen Staatssekretärin, dass es Absprachen und eine Übereinkunft zwischen Bündnispartnern der NATO gäbe, keine Kampfpanzer, keine Schützenpanzer und sonstiges schweres Gerät zu liefern. Wie von der Industrie zu hören ist, ist noch kein schweres Gerät geliefert worden. Es ist die fehlende Klarheit, die, solange man nichts Näheres weiß, von Täuschung und Lüge nicht zu unterscheiden ist. Für jeden Bürger wäre leicht nachvollziehbar und verständlich, wenn, gerade in Kriegszeiten, nicht alle Details ausgeplaudert werden, doch solche Inkongruenzen aus einem Mund zerstören das Vertrauen! Zumal es nicht das erste Mal ist, dass Herr Scholz die Zuhörer durch das bewusst Nicht-Gesagte quälend auf die Folter spannt. Es ist schlimm und für das gesamte internationale Politikverständnis äußerst nachteilig, wenn Absichten und Vorhaben vom obersten und dazu noch weisungsbefugten Staatsmann nur in schwächelnder und schwankender und dazu noch in verbissen eigenwilliger Rhetorik verlautbart werden.

Eine Mehrheit der Bevölkerung, zumindest im Westen der Republik, ist mit großer Überzeugung dafür, die Ukraine mit allen verfügbaren Mitteln zu unterstützen und ihr bei ihrem existenziellen Kampf zur Seite zu stehen. Dass Viele jede Unterstützung ablehnen und trotz der täglichen Bilder von Zerstörung und menschlichem Leid offen bleiben für kriegsfördernde propagandistische Einflussnahme ist kaum nachzuvollziehen. Immer wieder taucht das Argument auf, dass durch Waffenlieferungen und die damit verursachte Verlängerung des Krieges sich das Leid nur noch verschlimmere. Manche raten gar, sich zu ergeben, damit die furchtbare Zerstörung ein Ende finde. Diese Ratschläge mögen gut gemeint sein, doch, wie so oft bei gut gemeinten Ratschlägen, befriedigen sie in erster Linie eigene Gefühlssphären bzw. das eigene Betroffen-Sein als dass sie sich hineinversetzen in die Unbill des Anderen. „Gut gemeint“ bedeutet meist „Ich gehe mal von mir aus“, doch meine Wirklichkeit, von der ich ausgehe, ist eben eine andere, als die, die ich glaube, beraten zu müssen. Der Rat also, den ich gebe, geschieht immer im Bewusstsein meiner Wirklichkeit; diese Wirklichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass ich in Freiheit und Frieden lebe, dass ich keine Zerstörungen und vor allem keine Bomben und den Verlust meiner Heimat zu befürchten habe. Was liegt näher, als diesen schätzenswerten Zustand des nicht Bedroht-Werdens anderen zu wünschen, eben jenen, die sich in größter Not mit den mörderischen Waffen auseinandersetzen müssen. Wäre es nicht schöner, wenn wieder Friede einkehrt, wenn wir wieder Ruhe hätten? Gut gemeinte Ratschläge pflegen an der Wirklichkeit des Anderen zu zerbrechen. Es ist einfach zutreffend, wenn Schiller sagt: „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“. Der gut gemeinte Rat ist zu einfach und zu kurz gedacht. ES wird nicht bedacht, was es bedeutet, sich diesem Aggressor zu ergeben? Zunächst muss die Gesinnung dieses Aggressors in Betracht gezogen werden Er hat sein Gesicht gezeigt in Tschetschenien, Syrien, Georgien, Moldavien und er zeigt es jetzt mit seiner Kriegsführung, streng seiner Vorstellung folgend: „Die Ukraine hat kein Recht auf Souveränität, kein Recht auf Selbständigkeit“ „Entnazifizierung!“ Das bedeutet de facto Ausrottung! „Entmilitarisierung!“ Das bedeutet zur Willenlosigkeit verdammt sein! „Wieder zu einem Teil von Russland werden!“ Das bedeutet Freiheiten verlieren; zurück in die Diktatur! Verschleppung, Verhaftung, Folter! Absolute Staatswilligkeit! Ein Blick auf das heutige Russland genügt! Es ist genau das, was der russische Staat und das russische Militär uns vor Augen führen. Ein Krieg gegen die Ukraine, ein Kampf gegen die ganze ukrainische Identität, eine Verneinung der ukrainischen Geschichte, eine Missachtung der ukrainischen Intelligenz, eine unsagbare Brutalität gegenüber dem ukrainischen Volk. Man muss verstehen, worum es bei diesem Krieg in Wirklichkeit geht. Es geht um Sein oder Nicht-Sein in Sachen Zivilisation, in Sachen Menschenrechte und um alles, was daraus folgt: Würde, Freiheit, Freizügigkeit, Respekt, Toleranz, Menschlichkeit, summa summarum um menschliche Lebensqualität!

Die politische Weltlage zeigt deutlich: die Freiheit ist bedroht, die demokratische Idee gefährdet! Es ist ein zunehmender, weit verbreiteter Kampf zentralistischer, autoritärer Zielsetzungen gegen die individuellen Rechte des Menschen. Russland zeigt, wozu Machtideen, die sich jeder Kontrolle und moralischen Orientierung entledigt haben, fähig sind, es zeigt, wie schnell Machtbesessenheit das Menschenbild entzaubert und das unkontrollierte Böse zu Tage fördert. Hat der Westen verstanden, worum es in diesem Krieg geht? Sind die Menschen im Westen bereit und willens, die Freiheit zu verteidigen?

Am 24. Februar 2022 stellte die Außenministerin, Frau Annalena Baerbock, fest, dass wir an diesem Tag in einer anderen Welt aufgewacht seien. Gefühlsmäßig wird man sofort zustimmen, doch stimmt das? Hat sich die Welt seit dem 24.02. wirklich verändert? Könnte es sein, dass sich nicht die Welt, sondern etwas in unserer Wahrnehmung geändert hat? Wir waren beschäftigt mit unserem Leben, mit den Problemen der Pandemie, mit wirtschaftlichen Belangen, mit sozialen Ungereimtheiten, mit Kirche und Politik. So sehr uns auch das Alltägliche forderte, existenzielle Probleme hatten wir nicht; das Leben vollzog sich im Rahmen naturgegebener Vorgaben; nichts Unnatürliches hatten wir zu befürchten. Und doch, wer es sehen wollte, der konnte es sehen: das Böse war auch in dieser Zeit in der Welt! Ist es nicht immer in der Welt? Haben wir geträumt; verliebt in eine Problemlosigkeit, die wir uns leichtfertig zurechtgelegt und alles auf unsere Verhältnisse hin bewertet haben? Die Freiheitsrechte waren ja nicht bei uns bedroht; anders in Russland Belarus, China, Nordkorea, Syrien, Myanmar, Türkei, Saudi Arabien, Iran, Venezuela u.a. Weite Entfernungen sind der Garant für Schmerzfreiheit. Unsere Welt lief wie ein Uhrwerk und wir ließen uns betören von der eigenbetrieblichen Reibungslosigkeit. Aber dann, am 24.02. wachten wir auf und es war da! Das Böse! Der Krieg, mitten in Europa! Mit einer Art der Kriegsführung, die wir durchaus kannten, sie aber auf Abstand hielten, mit der Bombardierung von Schulen und Krankenhäusern, mit einer menschenverachtenden Arroganz und einer todbringenden Infernalität.

In russischen Schulbüchern ist bereits der Begriff „Ukraine“ per Gesetz gestrichen worden. So viel zu den Zielvorgaben der russischen Kriegsführung. Während der Krieg in der Ukraine seinen Fortgang nimmt, wird in Belarus an der Rückkehr zur sowjetischen Einheit gearbeitet. In Transnistrien sind erste konkrete Anzeichen für eine fortschreitende Missachtung staatlicher Hoheitsgebiete durch Russland zu erkennen. Russland tut alles, um seinen Einfluss in der Region der ehemaligen Sowjetunion auszuweiten und die dortigen Menschen in die Vorstellung der absoluten Hörigkeit zu zwingen. Gleichzeitig unternimmt Putin alles, um die Stabilität des Westens zu untergraben. Wenn er propagandistisch verlautbaren lässt, dass er sich von der NATO bedroht fühle, dann gewiss nicht so, wie es sich die Narrativgläubigen zu eigen machen; es ist nicht die militärische Bedrohung, die er fürchtet, er fürchtet die Freiheit und er hat Grund, sie zu fürchten! Ein Mensch, der sich selbst mit so vielen Lügen Fesseln angelegt hat, muss sich vor der Wahrheit fürchten. Seine Liebe und Vertrautheit zur Lüge nutzt er, um das Böse in der Welt zu verbreiten (Fake News in sozialen Netzwerken, destruktive Cyber-Aktivitäten) getrieben von einer atemlos kreativen Destruktivität. Mit der Bombardierung von Getreidesilos zeigt er noch einmal mehr sein menschenverachtendes Gesicht; die Menschen kümmern ihn nicht; er baut an der monumentalen Wiederkehr zaristischer Größe.

Wie ist die Reaktion des Westens, derjenigen Länder also, die sich dem geistigen Zugriff der russischen Rhetorik entziehen und sich eindeutig gegen Despotie und Barbarei stellen? Man ist sich einig, dass man der Ukraine nach Maßgabe aller erdenklichen Möglichkeiten helfen und sie unterstützen muss, finanziell, wirtschaftlich, militärisch. Es wird über jede Art von Waffen gesprochen, über Munition, über die Möglichkeiten, sie der Ukraine zur Verfügung zu stellen; es wird überhaupt viel gesprochen, doch irgendwann merkt man die Diskrepanz zwischen Wort und Tat und Deutschland vorne dran, sodass der Verteidigungsminister von Lettland schließlich feststellt, das Vertrauen in die deutsche Außenpolitik geht gegen Null. Scholz verkündet großmundig: „Die Ukraine darf den Krieg nicht verlieren, sie wird ihn nicht verlieren!“ Worte eines zahnlosen Tigers! Angesichts der immer düster werdenden Lage ist diese folgenlose Wortgewalt nur schwer zu ertragen. Zugleich betont er: „Ich werde alles tun, damit nicht der Eindruck entsteht zur Kriegspartei zu werden.“ Was ist das für eine Hilfe, die nicht den Eindruck der Hilfe erwecken darf? Jedes Handeln wird offensichtlich in der Angst vor einem europäischen Krieg oder gar Atomkrieg erstickt. Hierin liegt ein gedankliches Problem, das grundsätzlich geklärt werden muss. Man dürfe Putin nicht reizen, hört man. Der französische Staatspräsident: Man muss Achtgeben und darf Putin auf keinen Fall demütigen. Man hört, man dürfe Putin keinen Grund für weitere Eskalationen liefern, man muss ihm die Möglichkeit geben, sein Gesicht zu wahren. Welches Spiel wird hier gespielt? Welche Verirrung vollzieht sich hier? Ich habe mich intensiv mit Churchill befasst und die verschiedenen politischen Bemühungen in den Jahren von 1938 bis 1941 studiert. Vieles verhält sich spiegelbildlich, doch nirgendwo fand ich vergleichbare Aussagen (man müsse Hitler die Möglichkeit geben, sein Gesicht zu wahren, man dürfe ihm keinen Grund geben für weitere Eskalationen). Churchill war der einzige, der das Böse in seiner ganzen Tragweite erkannt hat und zu der entschiedenen Auffassung kam, dass man es bekämpfen müsse, und zwar mit allen verfügbaren Mitteln. Es war ein schwerer, ein überaus verlustreicher Kampf; die Freiheit, in der wir nahezu 80 Jahre gelebt haben, verdanken wir ausschließlich seiner Initiative!

Nun sind wir am 24. Februar aufgewacht und plötzlich stand der Wolf vor der Tür. In der langen Zeit des Friedens haben wir uns mit uns selbst, nicht aber mit Wölfen beschäftigt; die Wölfe, die wir hätten sehen können, haben wir ignoriert; sie durften uns in unseren Träumen nicht stören, wir hielten sie auf Distanz, gerade und umso mehr als das Handwerkzeug des Todes schon immer erkennbar war. Nein, es ist keine Zeitenwende, es ist ein Aufwachen, ein Aufwachen in einer Welt, die nie anders war! Die wir nur anders sehen wollten. Das Böse ist in der Welt und immer ist die Frage, wie mit ihm umzugehen ist. Man muss im Gespräch bleiben, muss miteinander reden, muss zuhören, Gedanken teilen, sich mitteilen und immer wieder hören und versuchen zu verstehen. Was aber ist zu tun, wenn das Gespräch nicht zum Erfolg, nicht zum angestrebten Kompromiss, also nicht zu einer friedlichen Einigung führt? Das Problem dabei ist, und diese Erfahrung sollte man nicht ignorieren: das Wort des Schwachen gilt nichts. Das alte römische Sprichwort ist nicht leichtfertig von der Hand zu weisen: „Wenn du Frieden willst, rüste auf!“ Man kann sich ja mal gedanklich mit Herrn Kim Jong-un oder mit Herrn Xi Jinping an einen Tisch setzen, um friedliche Konditionen auszuhandeln. Die erste Frage wird sein: „Wer oder was bist du eigentlich?“ Man kann einen Vulkanausbruch nicht mit schwenkenden Friedensfähnchen aufhalten. Warum nur wähnen sich Fähnchen schwenkende Friedensdemonstranten stets auf der moralisch unbedenklichen Seite? Sie demonstrieren reine Passivität, aber sie demonstrieren nicht Entschlossenheit und Leidensbereitschaft. Wer grundsätzlich ohne Waffen, ohne zu kämpfen im Leben auskommen will, der muss bereit sein, sich erschießen zu lassen; man braucht sich nicht impfen zu lassen, wenn man bereit ist, krank zu werden; man braucht nicht zu arbeiten, wenn man bereit ist zu sterben. Wer glaubt, Leben sei ohne Kampf möglich, ohne Mühe und ohne Opfer, verabschiedet sich vorzeitig ins Paradies oder er verlässt sich auf Andere, die bereit sind, für ihn zu kämpfen, selbst dann, wenn es darum geht, Haus, Hof und Familie zu verteidigen. Das aber fällt gewiss nicht unter den Anspruch, moralisch zu handeln. Wer sich in dieser Welt paradiesische Zustände erträumt, muss sich fragen lassen, ob er das Leben verstanden hat. Man muss sich gar selbstkritisch fragen, ob nicht die unachtsame, ausschließlich auf das eigene Wohlfühlen hin ausgerichtete Beschäftigung mit sich selbst bei Wölfen den Eindruck von Schwäche entstehen lässt und mancherlei Macht- und Okkupationsgelüste weckt. Leicht wird das Schwache überrollt; wer nicht trainiert, verliert schnell seine Form, wer seine Stärke nicht unter ständigen Beweis stellt, wird sie einbüßen. Das Leben ist wachsam; überall lauern Wölfe; wir hatten es nur vergessen. Christian Lindner sagte sinngemäß, wir müssen die Bundeswehr stark machen, damit wir nicht in die Verlegenheit kommen, kämpfen zu müssen. Man muss nur ein guter Beobachter sein: Russland fällt nicht gerade durch ein starkes Militär auf, doch die aufgebaute Drohkulisse (Atomwaffe) lässt uns vor Angst erstarren, d.h. wir verlieren die nüchterne analytische Kompetenz. An einem zugefrorenen See sehe ich, wie ein Kind einbricht; es droht zu ertrinken. Fazit: es gibt keine wirkliche Hilfe ohne Risiko. Den Gedanken weiterdenkend wird man sich eingestehen müssen, dass es auch keine Freiheit gibt, die ohne Risiko wäre.

In Zeiten des Dritten Reiches ging das Böse von Hitler und seinen Gleichgesinnten aus; jetzt ist es Putin und seine Gesinnungsgenossen, die mit Entschiedenheit und unvorstellbarer Härte das Böse in die Welt tragen. Es ist nicht Russland, sowenig, wie es Deutschland war und doch reicht die Verantwortung mit allen Unschärfen weit in die Bereiche der freiwilligen oder erzwungenen Beteiligung und des „Mitmachens“. Es war eine sehr gute Bekannte, man kann sagen Freundin, die uns mehrfach auf unsere Reisen nach Russland und in die Ukraine begleitet hat. Kurz nach Euromaidan (2013/14) hörte wir aus ihrem Mund das erste Mal, dass Nazis in Kiew am Werk seien. In den vergangenen Jahren verhielt sie sich zurückhaltend bis wir am 24. Februar eine SMS von ihr erhielten: „Putin, bravo!“ Diese SMS markierte das Ende einer langen Freundschaft. Heute wissen wir, dass sie Mitglied des KGB ist; aus ihrem Umfeld ist zu hören, dass die Ukrainer entnazifiziert werden müsste, dass sie kein Recht hätten zu leben! So weit geht Putin und wir sehen es an seiner Kriegsführung. Bei Hitler waren es die Juden, bei Putin die Ukrainer! Bei Putin ist es die Spezialoperation, bei Hitler das Sonderkommando. Es ist wohl so, dass Viele noch nicht verstanden haben, worum es in diesem Krieg geht, vielleicht auch, weil sie es nicht für möglich halten, doch wir sehen es täglich und täglich hören wir die Lügen: Butscha, eine Inszenierung von ukrainischen Schauspielern, eine Frauenklinik in Mariupol, ein Versammlungsort für Terroristen, die Ukrainer seien es, die Wohngebäude beschießen und zerstören; nicht wir sind in die Ukraine einmarschiert, es ist die Ukraine, die uns bedroht. Man muss sich ein wenig mit der Geschichte dieses tapferen Volkes befassen, um zu verstehen, wie großartig dieses Volk reagiert, wie entschieden und tapfer es sich dem Aggressor entgegenstellt und bereit ist, seine Freiheit zu verteidigen. In den Gedankenspielen Putins war die Ukraine nie etwas anderes als ein Teil Russlands. Die entscheidenden Schritte zur ukrainischen Selbständigkeit hat er zwar selbst erlebt und auch mit seiner Unterschrift besiegelt, doch akzeptiert hat er diese Entwicklung nie. Er war so sehr seiner historischen Fiktion verhaftet, dass er wirklich glaubte, in Kiew einmarschieren und als Befreier gefeiert werden zu können. In den vielen Jahren, in denen ich regelmäßig in der Ukraine unterwegs war erlebte ich die Entwicklung von einer altgewohnten russischen Anhänglichkeit zur Selbstfindung in Freiheit und zunehmender Prosperität. Die geistige Geburt eines in die Freiheit entlassenen Staates habe ich mit großer Bewunderung und mit grenzenloser Anteilnahme miterlebt. Russland musste sich von dieser Entwicklung bedroht fühlen, von der aufbrechenden Freiheit des Geistes, von der wirtschaftlichen Entwicklung. Was hatte Russland entgegenzusetzen? Ausschließlich eine rückwärtsgewandte zaristische Obrigkeitspolitik auf dem Boden von Angst und Lügen.

Was die Hilfe für die Ukraine betrifft, höre ich die Worte aus dem Munde des Kanzlers: „Alle Hilfsmaßnahmen sind mit unseren Partnern abgesprochen; es darf keinen deutschen Alleingang geben.“ Diese Logik erschließt sich für mich nicht, vor allem vor dem Hintergrund früherer deutscher Alleingänge. Von 1941 bis1943 war Kiew von deutschen Truppen besetzt. Am 29. September 1943 wurden an einem Tag mehr als 30 000 Juden erschossen (Babij Jar). Kurze Zeit später forderte die deutsche Wehrmacht den Kiewer Bürgermeister zu einem Fußballspiel heraus: Kiewer gegen Deutsche. Die Wehrmacht legte fest, dass, sollten die Kiewer gewinnen, diese unmittelbar nach dem Spiel zu erschießen seien. Das Spiel wurde mit großer Härte gespielt, es gewannen die Kiewer. Es geschah, wie vereinbart. Die sich mehr und mehr nähernde Rote Armee zeigte an, dass sich die Deutschen in Kiew nicht länger werden halten können. Es begann der deutsche Rückzug, begleitet von dem deutschen Vorhaben, Kiew zu evakuieren, Kiew auszulöschen. Über eine Million Kiewer Bürger wurden nach Deutschland zwangsdeportiert, über 800 000 on ihnen starben bei der Zwangsarbeit, in KZs oder sie verhungerten auf dem langen Weg nach Deutschland. Man könnte den deutschen Alleingang damals mit manchen Details „ausschmücken“, doch kaum einer will es hören, geschweige, sich in die ukrainische Geschichte vertiefen. Ein deutscher Alleingang wäre dringend geboten.

Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass der Westen einen gravierenden Fehler macht, indem er sich zum Zuschauer dieser Tragödie macht und diese Rolle grundsätzlich festschreibt. Uneins ist er lediglich in der Einschätzung der Ziele, die Russland anstrebt: will er die ganze Ukraine? Nur den östlichen Teil oder auch den Süden? Was wird er sich nehmen? Wir haben nichts dagegen zu setzen außer Angst und Schwäche und Putin weiß das, er weiß, dass er sich nehmen kann, was er will. Warum sollte er vor Ende der „Mahlzeit“ aufhören? Wir sind Zuschauer und wir lassen alles zu: das Wüten der Bestie und den langsamen Tod eines tapferen Volkes. Wir lassen es zu! Der Westen hat nicht begriffen, worum es in Wahrheit geht; es ist ein Kampf der Kulturen! An dem Versagen, an der Angst und der Mutlosigkeit im Hier und Jetzt werden wir lange zu verdauen haben!