NACHGEFRAGT…

… bei Prof. Dr. Johannes Horn

Interview: Kathrin Brack

Vor einem Jahr hat das Bundesverfassungsgericht entschieden, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, selbstbestimmt zu sterben. Prof. Dr. Johannes Horn war 21 Jahre lang Chefarzt der Chirurgie am Klinikum Harlaching. Sein Buch „Sterbehilfe – Ein Plädoyer für das Leben“ (Ka- den, 61 Seiten, 19,99 Euro) ist ein Kommentar zum Urteil.

Sie schreiben, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Sterbehilfe sei nicht weise. Warum?

Ich möchte sogar so weit gehen: Ich halte das Urteil für nicht verfassungsgemäß. Weil es nur das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen festschreibt und der Würde des Menschen nicht gerecht wird. Wenn es um die Würde geht, gibt es zwei Aspekte. Der eine ist das Recht eines Menschen, geschützt zu werden. Der andere ist die Pflicht der Gemeinschaft, ihn zu schützen. Dieser zweite Aspekt wird in dem Urteil nicht berücksichtigt. Die Gemeinschaft hat aber die Pflicht, einem Sterbenden zu helfen.

Sterbehilfe ist aus Ihrer Sicht keine Hilfe?

Das Wort an sich ist problematisch. Im Wesentlichen prägen drei Dinge unsere Vorstellung vom Sterben. Da ist die Ohnmacht, nicht selbst entscheiden zu können. Die Furcht vor Isolation. Und die Angst vor Schmerzen. Alle drei sind nachvollziehbar. Nun stellt sich die Frage: Wie kann man helfen? Und die Gesellschaft hat nur eine Antwort: den Schierlingsbecher. Und ich glaube nicht, dass das die einzige Antwort sein muss.

Was wäre eine alternative Antwort?

Dem Sterbenden dazu verhelfen, diese Phase einigermaßen leidlos und schmerzlos und eben nicht allein in der Isolation durchzustehen. Im Grunde geht es um eine Art von Lebenshilfe in der Phase des Sterbens.

Dann sprechen wir von Palliativmedizin.

Wir sind in allen Lebensbereichen auf Hilfe angewiesen. Nehmen Sie die Steuer, da gehen wir zum Steuerberater. Ist das Auto kaputt, gehen wir zum Mechaniker. Wenn ein Sterbender nach Hilfe ruft, antworten wir mit der assistierten Selbsttötung. Warum sollten wir nicht unser ganzes Repertoire an Erfahrung und medizinischem Wissen einbringen, um wirklich zu helfen?

Sie sind Chirurg. Inwieweit hat das Ihre Haltung zum Thema Sterbehilfe beeinflusst?

Ich war immer der Meinung, dass ein Arzt, der für die Kranken da ist, auch für die Sterbenden da sein muss. Ich bin nach Büroschluss regelmäßig zu den Sterbenden gegangen, habe mich ans Bett gesetzt und mit den Patienten gesprochen. Ich habe dafür gesorgt, dass sie ausreichend Schmerzmittel hatten, dass sie nicht leiden mussten – das nenne ich begleiten. Ich möchte die Menschen zum Nachdenken bewegen. Man kann die Phase des Sterbens angenehm gestalten. Darum spreche ich lieber von Lebenshilfe. 

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Erschienen am 01./02. April 2021 im MERKUR (Münchener Zeitungs-Verlag GmbH & Co. KG)