Wer kennt das nicht und wer wünscht sich das nicht? Ein Nachlassen der Schmerzen. Ein schwerer Hammer fällt auf den Fuß. Ein heftiger Schmerz, ein lauter Aufschrei! Erst ist es ein Punkt, ein messerscharfer Schmerz und doch durchdringt er den ganzen Körper. In dieser Phase ist alles in Unruhe und Übelkeit macht sich bemerkbar als Ausdruck der Weltverdrossenheit. Mit der erstaunten Feststellung, dass der Fuß noch heil ist, beginnt die Phase der kontrollierenden Bestandsaufnahme. Der Schmerz zieht sich auf den Fuß zurück und doch bleibt die Klage der allgemeinen Aufmerksamkeit wegen. Das von allen Seiten vernehmbare Mitleid hilft, vom Schmerz abzulenken, doch immer wieder fordert der Schmerz Gehör. Allerdings wird er unschärfer, zieht sich in die Breite, macht sich nur noch mit dumpfen, pochenden Launen bemerkbar. Seine ganze Hinterhältigkeit zeigt sich aber jetzt, wo man gerade damit begonnen hat, sich mit dem nachlassenden Schmerz vertraut zu machen: Ein heftiger Schmerz verübelt jede Bewegung. Von wegen, nachlassender Schmerz, er hat vom ganzen Fuß Besitz ergriffen und wird zum kompletten Bewegungshandicap. Der nachlassende Schmerz entlarvt sich als reines Täuschungsmanöver. Das Wehklagen über den lokalen Schmerz und die durch ihn verursachte Immobilität wird zum wochenlangen Hadern mit der Welt.

Eine zentrale Frage ist nun die, ob sich dieses Schmerzverhalten nur dann zeigt, wenn ein Hammer auf den Fuß fällt oder ob es sich um ein generelles Schmerzverhalten handelt und auch bei anderen körperlichen oder psychischen Schmerzen zutage tritt? Da ist zum Beispiel die Corona-Epidemie mit tausenden von Toten. Ein körperlicher und psychischer Schmerz, der die Gesellschaft explizit bis ins hohe Alter fest im Griff hatte. Immer wieder löste der Tod heftigste Schmerzen aus und dieser Tod mit seinen eindringlichen Bildern, die er mit düsteren Schatten in die Welt gezeichnet hat, quälte über viele Monate das so heftig eingeschränkte Leben. Endlich dann lockerte der Tod den Würgegriff und die Schmerzen zogen sich langsam zurück. Bedenkt man die Ängste und die durch sie verursachten Schmerzen, die sich bis in den letzten Winkel an die Ferse geheftet hatten, dann wird man das Glück nachempfinden können, das sich mit dem Wissen, alles überstanden zu haben und schließlich am Leben zu sein, tief ins Bewusstsein eingeprägt hat. Dann aber, als sich das Leben endlich wieder von allen Fesseln befreit hatte, wurde spürbar, dass es ein anderes Leben ist, in das der Alltag zurückgekehrt ist. Man begann, die vielen Einschränkungen zu beklagen, die man erleiden musste und die immer noch der Rückkehr zu einem vogelfreien Leben im Wege stehen. Das Leben ist zurück, als Voraussetzung, mit der Welt zu hadern.

Man fragt sich natürlich, ob dieses Schmerzverhalten einen Sinn macht? Man fragt sich, klebt der Schmerz am Menschen oder der Mensch am Schmerz? Im Falle des Hammers scheint die Angelegenheit doch recht eindeutig zu sein. Allerdings scheint es einigen Menschen schwer zu fallen, vom monatelangen Humpeln wieder Abstand zu nehmen. Man braucht ja nur die schmerzbedingte Gewohnheit des lahmenden Fußes in die Phase der schmerznachlassenden Schmerzfreiheit fortzusetzen. So einfach gelingt es nicht so schnell wieder, ohne große Anstrengung auf sich aufmerksam zu machen. Es scheint also Situationen im Leben zu geben, in denen es gelingt, Schmerzen glaubhaft zu vermitteln, um sich damit Aufmerksamkeit und vielleicht gar Vorteile zu verschaffen.

Mit der Corona-Epidemie ist es so eine Sache. An manchen der Überlebenden klebt der Schmerz verbunden mit Beeinträchtigungen, für die es medizinisch noch keine Erklärung gibt. Diese Menschen sind zu bedauern. Bedauerlich ist auch, dass es bis heute nicht möglich ist diese Menschen von denjenigen zu unterscheiden, die nur hadern, weil sie dem Leben nichts mehr abgewinnen können. Corona bietet ihnen einen glaubhaften Grund, sich fallen zu lassen und mit dem Leben zu hadern.

Ein viel größerer Schmerz als der Hammer auf dem Fuß verursachte der Einmarsch Russlands in dass souveräne Land der Ukraine. Er tat körperlich weh, obwohl er den eigenen Körper nicht traf. Aber er traf die Grundfeste unserer demokratischen Lebensordnung. Die schmerz-bedingten Erschütterungen waren so stark, dass die Regierung, ins Mark getroffen, nicht anders als hilf- und kopflos reagieren konnte. Erst die nüchterne Bestandsaufnahme führte schließlich zu der geschichtsträchtigen Feststellung der „Zeitenwende“. Im Schockzustand tendiert man dazu, unliebsame Realitätsveränderungen zumindest gedanklich zu begradigen und sie zu entschärfen. Mit unterschiedlichen Formulierungen, versucht die Regierung dem Bürger Halt und Zuversicht zu geben. Vergleichbar dem zufriedenstellenden Satz: „Der Fuß ist ja noch ganz“, fand man durchaus beruhigende Formulierungen: „Russland darf den Krieg nicht gewinnen“ oder „Putin wird dafür teuer bezahlen.“ Es blieb im Wesentlichen bei Gedankenspielen, zweifellos aber mit bemerkenswerter Sofortwirkung. Die Genugtuung war groß, zu hören, dass Putin nicht ungeschoren davonkommt und dass Russland bei so viel Entschlossenheit den Krieg nicht gewinnen kann. Das Beste aber ist, dass Putin das noch nicht wissen kann.

Russlands Vorgehen beunruhigt die Menschen je mehr sie in den Medien von der brutalen und menschenverachtenden Kriegsführung erfahren. Mit der überraschenden Erkenntnis, dass Russland auch unsere Freiheit bedroht, verändert sich die Schmerzqualität. Zu allem Übel wird bewusst. dass es der Westen in den vergangenen Jahren sträflich versäumt hat, für eine wirksame Verteidigung Sorge zu tragen. Trotz der inzwischen eingestandenen Mittellosigkeit versprechen wir der Ukraine grenzenlose Solidarität; Worte gewähren in solchen Fällen deutlich mehr Spielraum als Taten. So weitet sich der anfängliche Schmerz zu einem chronischen Problem. Doch auch ein solcher, in die Jahre gekommener Schmerz verliert irgendwann seine Dringlichkeit und wenn dann auch die Erfahrung zeigt, dass wir unsere Freiheit nicht wirklich bedroht sehen, dann spricht nichts dagegen, das Bemühen um eine ausgewogene work-life-balance wieder aufzunehmen und in gemeinsamem Gedenken den Errungenschaften der Demokratie zu huldigen. Es lebe die Freiheit!