Ethik

Die Medizin erlebt einen Paradigmenwechsel weg von der individuellen Hinwendung zum Patienten hin zu einer anonymisierten und dogmatisierten Machbarkeitsideologie. Der eigentliche Grund für diese veränderte Einstellung ist eine Lebensauffassung, die sich ausschließlich auf die begrenzte Zeit des irdischen Daseins bezieht. Die christliche Überzeugung, nach der „Dein Wille geschehe“, wurde im Zuge einer kompletten Lebensversachlichung zu einer Vorstellung verengt, nach der „Mein Wille“ zu geschehen habe.

An die Stelle des Vertrauens rückt das Bedürfnis nach Eigenregie und Selbstverwirklichung. Die Suche nach Lebenssinn konzentriert sich dabei auf sein irdisches Erscheinungsbild, auf die Kategorien von Materie, Funktion und Zeit (Körperlichkeit, Wellness, Fitness, Lebensdauer), während sich die Lebensinhalte und die Auseinendersetzung mit der eigentlichen Lebensbestimmung weitgehend der Aufmerksamkeit entziehen.

Das sich daraus ableitende allgemeine Sicherheitsbedürfnis, welches sich augenfällig im Gesundheitsverständnis Geltung verschafft, erfährt durch ungeahnte technische und pharmakologische Fortschritte zusätzlichen Auftrieb. Der heutige Mensch verhält sich so, als hätte er das Leben selbst erschaffen. Somit tut er alles, um sein Dasein zu erhalten, statt es in den Dienst des Lebens zu stellen. Es muss darum gehen, dem Leben einen Sinn zu geben und die Medizin zu ihrer Glaubwürdigkeit und ihrer eigentlichen sozialen Verpflichtung zurückzuführen.