< Die Krise in der Ukraine
Donnerstag, 14.08.2014 10:00 Alter: 6 Jahre

Der Nahostkonflikt

Gaza - Ein Ausdruck menschlichen Versagens


Israel lässt wissen, dass das Kriegsziel mit der Zerstörung der Tunnel im Gaza erreicht sei. Die USA haben zwar die vielen zivilen Opfer verurteilt, zugleich aber betont, dass man Israel das Recht zubilligen müsse, sich zu verteidigen. Der vier Wochen dauernde Krieg machte allerdings deutlich, welche der beiden Seiten sich zu Recht bedroht fühlen muss. Israel hatte die Möglichkeit, sich weitgehend vor den Raketenangriffen zu schützen, während die Bevölkerung im Gazastreifen schutzlos der sie überrollenden Militärmacht ausgesetzt war. Die Todeszahlen sprechen eine eindeutige Sprache, nicht weniger die Zerstörungen von Wohnungen und öffentlichen Einrichtungen.

 

Kann Zerstörung ein Kriegsziel sein? Die allgemein bedrückende Momentanaufnahme, die sich in den aktuellen Bildern widerspiegelt, ist keineswegs geeignet, Konflikte hinsichtlich ihrer Entstehung zu verstehen. Immerhin fällt auf, dass von „Kriegsziel“ die Rede ist und nicht von einem „Friedensziel", dem man näher gekommen sei. Verfolgt man die Politik Israels, dann entsteht kaum der Eindruck, dass das Erreichen eines Friedens und einer Aussöhnung mit den Palästinensern ein ernsthaftes Anliegen ist. Niemand wird einem Staat das Recht streitig machen, sich gegen Angriffe von außen zu verteidigen. Jeder Angriff von außen ist nichts anderes als ein aggressiver Akt und ist als solcher zu verurteilen. Besonders die Bewertung der jeweils aktuellen Situation hindert daran, zu einem anderen Urteil zu kommen. Was allerdings unberücksichtigt bleibt, ist die Frage nach der Entstehung der Aggression. Immer wieder tendieren wir dazu, aus dem Augenblick heraus zu urteilen, doch die Richtigkeiten des Augenblicks ergeben noch keine Wahrheit.

 

Aggressionen entstehen selten sui generis, viel häufiger sind sie eine Reaktion auf vorausgegangene physische oder psychische Verletzungen. Jeder Pädagoge und jeder Psychologe weiß, dass Aggressionen als Reaktion auf eine Vielzahl von Aktionen und Verhaltensweisen entstehen, die eines gemein haben: die Beschneidung der Lebens- und Persönlichkeitsrechte. Das gilt für alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, für die Familie, für gesellschaftliche Gruppierungen, für weltliche und religiöse Institutionen, für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher ethnischer Abstam-mung und nicht weniger für internationale Beziehungen. Das Spektrum dieser entwürdigenden und lebensfeindlichen Verhaltensweisen ist breit gefächert, es umfasst Ausgrenzung, Demütigung, Erniedrigung, Beleidigung, Missachtung, Gängelung, Freiheitsberaubung und die Verweigerung grundlegender Menschenrechte. Der entmutigte, gedemütigte und in die Enge getriebene Mensch versucht sich zu befreien und gegen alle Widerstände der Entmündigung sein Lebensrecht wieder zu gewinnen. Doch allein schon der Gedanke, der versucht, sich der Freiheit und seiner Würde anzunähern, wird zunichte und zerbricht an der Wirklichkeit der auferlegt quälenden Enge.

 

Aus dem anfänglichen Groll entsteht Wut; die Wut verdichtet sich zum Hass und, mit blinder und ungezügelter Gewalt, verschafft sich der Hass die Luft, die zum Leben notwendig ist. Der Mensch will leben und seine Selbstachtung wiedergewinnen, doch jeder Versuch wird harsch und gewaltsam unterdrückt. So entsteht neben dem Hass das furchtbar verletzende Gefühl der Ohnmacht. Hass und Ohnmacht sind die Quelle jener Aggressionen, die der Unterdrückte und Gedemütigte als Befreiungsversuch versteht, die aber von dem, der seinen Willen und seine Ordnung ungeachtet des Lebensrechtes des Anderen durchzusetzen versucht, als Terror gedeutet werden. Terror, als das Ende einer sich der Kontrolle entziehenden Gewaltspirale, ist ein Verbrechen, er ist Menschen verachtend und durch nichts zu rechtfertigen. Auch wenn Aggression und Terror nicht durch Argumentationen und Erklärungsversuche relativiert werden können, gilt es sich bewusst zu machen, dass die Beurteilung eines Augenblickes noch nicht mit Wahrheit gleichzusetzen ist. Man kann Aggressionen und todbringende Terroranschläge mit militärischer und gleichermaßen todbringender Stärke beantworten und damit der Eigendynamik der Gewaltspirale folgen („Das ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären“ Schiller, „Die Piccolomini“) oder aber man versucht, sich die Zusammenhänge vor Augen zu führen.

 

Die Erfahrung ist nun, dass je blutiger ein Augenblick in Erscheinung tritt, desto blindwütiger ertönt der Ruf nach Rache. So schafft der Augenblick oft Emotionen, die Herz und Verstand außer Kraft setzen. Entscheidend ist, dass im Fortgang der Gewaltspirale das Vertrauen verlorengeht; jeder Versuch der Annäherung wird mit Misstrauen beantwortet; Gewalt scheint das einzige Mittel zu sein, Kontrolle auszuüben und auf diese Weise zu obsiegen, doch jeder gewaltsam herbeigeführte „Sieg“ bedeutet für den Unterlegenen Erniedrigung und Demütigung und bedeutet das Fortbestehen von Hass und Aggressionsbereitschaft. In der derzeitigen Situation besteht Israel auf eine komplette Entmilitarisierung der Hamas im Gaza zugleich ist Israel nicht bereit, die Blockade um dieses Gebiet aufzugeben. Es wird eine absolute Kontrolle angestrebt und durch eine gleichzeitige Demonstration militärischer Überlegenheit wird das Gefühl von Ohnmacht vermittelt. Mit Dieser Ohnmacht provoziert Israel genau das, was es zugleich vehement bekämpft: den Terror! 

 

Die Lösung in diesem Konflikt kann nur die Bildung eines eigenen Palästinenserstaates sein. Wie aber soll das geschehen, wenn Israel die Palästinenser dominiert und kon-trolliert, gängelt und demütigt, wenn Israel das Westjordanland mit Siedlungen übersät und damit die Souveränität von vorn herein in Frage stellt? Wie kann das gelingen, wenn

die Ressourcen an Vertrauen erschöpft und Gespräche auf Augenhöhe nicht möglich sind? Wie kann ein Frieden erreicht werden, wenn Existenz- und Verlustängste das alltägliche Leben auf beiden Seiten beherrschen und Kontrolle als das einzige Mittel des Zusammenlebens betrachtet wird? Wie nur kann die Zementierung von Misstrauen und Hass, von Angst und ständigen Vorwürfen und Verletzungen aufgebrochen werden? Wer ist fähig und bereit, den ersten Schritt zu tun; wer ist willens, das Wagnis der Hand-reichung einzugehen? Dazu ist keine militärische Stärke erforderlich, sondern allein der Wille zum Frieden. Das Wagnis besteht darin, dass dieser gewiss nicht einfache Weg von  Demütigungen und Verletzungen begleitet wird. Er wird auf Widerstand stoßen und von einigen ewig Gestrigen nicht verstanden werden. Doch Friede und Freiheit haben langfristig eine größere Überzeugungskraft. Es muss darum gehen, den Palästinensern die Möglichkeit zu geben, mit dem Frieden und der Freiheit und nicht weniger mit der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung eigene Erfahrungen zu machen. Erst dann wird es gelingen, dem Hass und den aggressiven Elementen den Boden zu entziehen und den Kräften des Friedens Raum zu geben.

 

Von Unterdrückten und Gedemütigten ist dieser erste Schritt nicht zu erwarten, solange sie unter dem Diktat der absoluten Kontrolle stehen. Dem Starken fällt diese Rolle des Friedensstifter zu; nur er kann den ersten Schritt tun, die Handreichung, die überzeugende Geste des Gewaltverzichts. Es sind immer wieder Gesten, die das Bewusstsein der Welt verändern! Macht und Stärke führen stets zur Ohnmacht und Demütigung auf der anderen Seite und zum Fortbestehen von Aggression und Terror. Es geht um die Politik des israelischen Staates; es geht um die Identität und das Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes, um nichts anderes!