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Sonntag, 27.05.2012 11:55 Alter: 8 Jahre

Europakrise

Brief an die Bundeskanzlerin


Sehr verehrte Frau Bundeskanzlerin!

 

Es gibt viele Gründe, Ihre ruhige und besonnene Art bei der Bewältigung der politischen Probleme zu bewundern. Immer wieder haben Sie Ihre Führungsqualitäten im Widerstreit argumentativer Auseinandersetzungen unter Beweis gestellt. In vielen Situationen haben Sie das scheinbar kalkulierte „Nichts-Tun“ zur Ihrer persönlichen Note werden lassen. Besonders in Krisenzeiten vermittelt diese Art der politischen Handhabe bei den Bürgern den Eindruck eines besonnenen Steuermanns, der das Schiff sicher auf Kurs hält. In der immer bedrohlicheren Europakrise sehen Sie im Konzept des verordneten Sparens das  Allheilmittel, das es mit Geduld und eiserner Disziplin durchzuhalten gilt. Sie vergessen dabei, dass die Krankheit, die Europa (durch Selbstverschulden) befallen hat, in den einzelnen Ländern zu sehr unterschiedlichen Symptomen geführt hat, die es bei der Therapie zu berücksichtigen gilt. Deutschland geht es wider Erwarten gut; andere Länder stehen am Abgrund und haben den Staatsbankrott zu befürchten. Das von Ihnen vertretene Konzept des Sparens mag für Deutschland richtig sein; Länder wie Griechenland führen Sie damit ins Elend. Kann das eine ethisch vertretbare Therapie sein, einem Verhungernden die Nahrungszufuhr zu verweigern?! Allzu große „Ruhe“  läuft Gefahr, unmerklich zur Blindheit und den Blick verengenden Sturheit zu mutieren. Doch unmerklich ist es nicht, die Folgen sind allenthalben erkennbar!

Noch ein anderer Gedanke muss in diesem Zusammenhang Erwähnung finden. Es geht um Europa! Nationale Interessen sind das Eine, Solidarität im Europäischen Verbund ein Anderes! Richtig ist, dass Griechenland bereits umfangreiche Geldmittel von Europäischer Seite erhalten hat; richtig ist aber auch, dass in alleiniger Konsequenz die Doktrin des Sparens zur Auflage gemacht wurde. Wie soll das gehen? Wie kann eine solch eng ausgelegte Therapieausschließlichkeit erfolgreich sein? In das bisherige starre Therapiedenken scheint nun mit dem neuen französischen Präsidenten Bewegung zu kommen. Auch er ist von der Notwendigkeit des Sparens überzeugt, doch fordert er zu Recht flankierende Wachstumsimpulse. Den wiederholt vorgebrachten (aber immer weniger glaubhaften) Bekundigungen, nach denen Griechenland im Europäischen Verbund verbleiben solle, stehen immer unverhohlener Planspiele entgegen, die sich mit den Konsequenzen seines Austritts beschäftigen. Zugegeben, es ist den Bürgern leichter zu vermitteln, dass mit den Zahlungen, sprich steuerlichen Belastungen, endlich Schluss sein müsse, als sich stark zu machen für den Europäischen Solidargedanken und sich kreativ in aufbauende Wachstumsprogramme einzubringen. Europa ist weit mehr als die geflissentliche Sicherstellung nationaler Wirtschaftsinteressen. Die Fehler, die bei der Etablierung der Gemeinschaftswährung gemacht wurden, gilt es jetzt zu korrigieren und die Gewichte gemeinsam zu stemmen. Auf den Starken kommt dabei eine besondere Verantwortung zu. Nicht von ungefähr kommt der Promotor eines neuen Denkens aus den Reihen der Sozialisten. Die Idee „Europa“ hat es verdient und nicht zuletzt auch das historische (und christliche) Bewusstsein, über reine Finanzkalkulationen hinaus ernst genommen zu werden.

 

Hochachtungsvoll, mit freundlichen Grüßen